Katz und Maus, Annie und John

Teil 2

 

Tja, geht leider nicht anders, für einen einzigen Eintrag ist es zuviel Text, also hier ein offizieller zweiter Teil. Wer Teil 1 Nicht kennt, muss notfalls im Archiv nachschauen, es ist klarerweise der Einrag vor diesem hier.

So, zum Anfang gibt es aber nur ein kleines Häppchen, weil ich komplett vergessen hatte, den Text zu überarbeiten. Ist mir erst heute morgen eingefallen, als es eigentlich schon zu spät war. Um aber dennoch nicht mit leeren Händen anzukommen, habe ich ganz fix zwei Textstücke kontrolliert, so das ich wenigstens was habe. Ich kann´s nicht fest versprechen, aber ich bin mir ziemlich sicher, das ich am Donnerstag den Rest bloggen kann.

So, am Donnerstag habe ich (vermutlich) mehr Zeit zum Plaudern, aber jetzt genießt erstmal euer Häppchen, auf das ihr hoffentlich schon gespannt gewartet habt.

Carlos verschluckte sich fast an seinem Gähnen, als er den Pick Up auf sich zurasen sah. Erschrocken sprang er auf, überzeugt davon, das der Pick Up jeden Moment gegen die Mauer des Empfangsgebäudes krachen würde. Doch dann quietschten die Bremsen und noch ehe der Wagen richtig stehen geblieben war, wurde die Fahrertür nicht gerade sanft geöffnet und eine vollkommen panische Frau sprang aus dem Wagen. Sie rannte direkt auf ihn zu, sich immer wieder über die Schulter umblickend. „Bitte, rufen sie die Polizei!!“ Schwer atmend blieb die Frau vor Carlos stehen, der nach draußen gekommen war, um sich die in seinen Augen Verrückte genauer anzusehen. „Bitte! Sie müssen mir helfen! Ich weiß nicht, wo er hin ist, aber er hat mich die ganze Zeit verfolgt und er hat diese Kellnerin umgebracht, ich ... bitte, rufen sie die Polizei!!“ Die junge Frau war kreidebleich und vollkommen verstört. Carlos musterte sie misstrauisch, vielleicht war sie auf einem Drogentrip oder so was. „Hey, Lady, mal ganz ruhig. Haben sie was getrunken oder Drogen genommen? „Sie ... - mann, da draußen ist ein mord geschehen! Rufen sie jetzt die Polizei oder nicht?!!“  Annie musste sich zurückhalten, um diesen Begriffsstutzigen Typen nicht anzuschreien. Es hat keinen Sinn, jetzt durchzudrehen, du musst ganz ruhig bleiben, sonst glaubt er dir nicht.  Annie holte ein paar mal tief Luft und versuchte, ihre Hände dazu zu bringen, nicht mehr so stark zu zittern. „ Hören sie. Da draußen ist ein Drive Inn und dort hat es einen Mord gegeben. Eine Kellnerin, Sarah, wurde ermordet. Und der Mörder hat mich die ganze Zeit verfolgt. Bitte, ich sage die Wahrheit! Rufen sie bitte die Polizei, bitte!!“

Carlos fühlte, wie eine eisige Faust nach seinen Eingeweiden griff und daran zerrte. Aber nein, das konnte doch nicht..., das durfte  nicht sein. Unmöglich. Nein. Nein, nein, nein. Er weigerte sich zu glauben, das seine Sarah tot war. Unmöglich. Diese Verrückte da hatte sich alles nur ausgedacht. Ja. Sie hatte mit Sarah gesprochen und sich danach ein paar Pillen oder was auch immer eingeworfen und war nun auf einem Trip. Ja. Carlos atmete innerlich auf. Mit dieser Erklärung konnte er leben. „Hören sie, Lady, sie sind ganz offensichtlich sturzbetrunken oder auf einem schlimmen Drogentrip. Was auch immer sie gerade gesehen haben ist nicht real. Schlafen sie ihren Rausch aus und morgen ist alles wieder gut. Ich geb ihnen sogar umsonst ein Zimmer, wenn sie versprechen, nichts kaputt zu machen.“ Annie sah den Jungen, der nicht viel älter als zwanzig zu sein schien, entgeistert an. Hatte er den Verstand verloren? „Was? Nein, ich will kein Zimmer! Das einzige, was ich getrunken habe, ist eine Dose Red Bull, und das ist Stunden her. Hören sie, da draußen ist wirklich ein Mord geschehen, er hat die Kellnerin.. ich weiß nicht, was er gemacht hat, aber sie ist tot, mann! Und er weiß, das ich da war, er ist irgendwo da draußen, bitte, ich bin nicht betrunken, ich...“ Annies Stimme brach. Um Gottes willen, dieser Junge konnte doch nicht ernsthaft ..., er konnte doch nicht... „Rufen sie die Polizei!!!“ In einem der Bungalows ging das Licht an. Carlos beeilte sich, die Frau ins innere des Empfangsgebäudes zu bringen, ehe sie noch ehr Gäste aufweckte. Vielleicht sollte er  es einfach tun und die Polizei wirklich anrufen, nur, damit er sich später mit Sarah an seiner Seite einen ablachen konnte, wenn  diese Verrückte wegen Ruhestörung festgenommen wurde. Aber erst würde er Sarah anrufen. Carlos hatte sowohl die Nummer des Drive Inns als auch Sarahs private Handynummer. Nur, um sie vorzuwarnen. Mann, werde ich froh sein, ihre Stimme zu hören. Carlos ignorierte die eisige Faust, die wieder an seinen Eingeweiden zu zerren begann, als er zuerst die Nummer des Dienstanschlusses wählte. „Mann, Lady, sie werden so was von dran sein, wenn die Bullen kommen, ehrlich.“ sagte er, während er darauf wartete, das Sarah abnahm. Na komm schon, Süße, wo steckst du denn? Nun mach endlich, nimm ab, na los, nimm schon ab.“  Doch er hörte nur das Leerzeichen. Sicherlich war sie nur auf dem  Klo oder draußen, beruhigte sich Carlos, hartnäckig an seiner Drogen- Theorie festhaltend. Er  würde es einfach so lange klingeln lassen, bis Sarah abnahm. Und wenn er die ganze Nacht  am Telefon hing.

Ja, ich habe es nicht geschafft, am Donnerstag zu bloggen, tut mir sehr leid; aber da bin ich wieder, mit dem nächsten Teil meiner Geschichte. Habe eben mal in die ganzen anderen Blogs reingeschuppert und dabei ist mir der Gedanke gekommen, das ich meinem Blog mal ein anderes Aussehen verpassen könnte, das Jetzige gefällt mir zwar, aber wird trotzdem mal Zeit für was Neues. So, und nun viel Spaß beim Lesen!

P.S.: Ich habe einen Musik- Tipp für alle, die einfach nur Wunderschöne, wunderschöne, ruhige musik mögen: "Living In Slow Motion" (So heißt das Album) ,von David Gray

Annie sah zu, wie der Junge am Telefon stand und immer nervöser wurde. Sie wusste, das er nicht die Polizei angerufen hatte, denn dann hätte er nur drei Tasten gedrückt, einmal die Neun und zweimal die Eins. „Wen rufen sie an?“ Der Junge warf ihr einen finsteren Blick zu. „Meine Freundin, Lady! Die, von der sie behaupten, dass sie tot ist! Echt, sie werden so was von dran sein, das schwör ich ihnen!“  Annies Augen füllten sich erneut mit Tränen. Seine Freundin? Oh Gott, das hatte sie nicht gewusst. Warum hatte sie das nur nicht gewusst und ihm das Furchtbare so entgegengeknallt? „Hören sie auf, mich so anzuschauen!“, blaffte der Junge sie an. „Sarah ist wahrscheinlich auf den Klo, das ist alles. Frauen brauchen doch immer lange!“ Annie wurde übel, als sie das Wort `Klo` hörte. Da war all das Blut gewesen, Annie erinnerte sich seltsamerweise genau an die rubinrote Farbe und wie sich das Licht der Deckenlampe in der immer größer werdenden Pfütze gespiegelt hatte. Sie befand sich mit einem Schlag wieder genau dort, drei angstvolle Schritte von der Tür entfernt, sie sah wieder die drei Kabinen, die Spielshowtüren. Wählen sie1 hallte plötzlich die grauenhafte Imitation einer Moderatorenstimme in Annies Kopf wieder. Sie wehrte sich dagegen, aber die Stimme verstummte nicht, sondern wurde lauter und grauenhafter. Wählen sie! Entscheiden sie sich zwischen Tor A, B oder C! Hinter einem der Tore lauert der Tod, aber wenn sie sich richtig entscheiden, gewinnen sie die Leiche einer Kellnerin! Annie presste die Hände gegen die Stirn und kämpfte mit aller Macht gegen die Hysterie an, die sie zu überwältigen drohte. Nein, sie durfte nicht den Verstand verlieren. Wie durch einen dicken Schleier drang die Stimme des Jungen zu ihr. „Lady? Alles in Ordnung? Können sie mich hören? Ich versuche jetzt, Sarah auf ihrem Handy zu erreichen, das hat sie selbst auf der Toilette bei sich.“ Annie wusste, wenn dieser Typ noch einmal ´Klo` oder ´Toilette` sagen würde, dann würde sie anfangen mit schreien und nicht mehr aufhören können. „Rufen sie doch endlich die Polizei, verdammt noch mal! Wie lange wollen sie denn noch warten?“ Annie, die an der Wand lehnte, ließ sich zu Boden sinken, stützte ihren Kopf in die Hände und versuchte, dieses schreckliche Bild der Blutpfütze und das noch grauenvollere des Schattens in der letzten Kabine aus ihren Gedanken zu vertreiben. Doch es ging nicht. Und plötzlich blitze das Gesicht des Fremden, der mit dem Truckfahrer gesprochen hatte vor ihrem inneren Auge auf. Annie hob ruckartig den Kopf und starrte auf die geschlossene Eingangstür. Er wird kommen und mich holen dachte sie und ihr war, als stände der Fremde bereits auf der anderen Seite der Tür.

Nachdem er Annie einen ausreichenden Vorsprung gegeben hatte, war John wieder in den Wagen gestiegen, der früher wahrscheinlich der Kellnerin gehört hatte. So weit wollte er denn doch nicht zum Motel laufen, nicht in dieser saukalten Nacht..

Nun schlenderte John gemütlich in Richtung des nächsten Bungalows und spähte durch die Fenster. Niemand da. Es waren zehn Bungalows, fünf hatte er schon überprüft und alle außer einem waren leer gewesen. Er warf einen Blick in Richtung Empfangsgebäude, vor dem Annies Pick Up stand. Wollte sie die Nacht dort drin verbringen oder traute sie sich nicht raus? John sah den Jungen, dem das Telefon am Ohr festgewachsen zu sein schien. Nie und Nimmer hatte der die Polizei angerufen. John stutzte für den Bruchteil einer Sekunde. Wo war Annie? Gerade eben hatte  er sie noch gesehen, wie sie an der Wand lehnte und sich die Hände vor die Stirn gepresst hielt. Egal, Hauptsache, sie war noch da drin.

John konnte  kaum glauben, wie lange Annie und dieser Typ schon im Empfangsgebäude waren. Mann, in der Zeit hätte er ja locker mit Annies Pick Up abhauen  können. Aber er hatte Annie noch nicht gratuliert. Und außerdem habe ich noch etwas, das dir gehört. dachte John und tastete nach dem MP3 Player in seiner Tasche.  Von den zehn Bungalows waren nur drei belegt. Nicht gerade viel, aber für John umso besser. Am liebsten wäre es ihm gewesen, mit Annie und diesem Jungen vom Empfang allein zu sein, aber soviel Glück konnte man wohl kaum verlangen. John schlich sich an das Empfangsgebäude heran, das nur eine einzige Fensterlose Seite hatte. Und genau diese Seite war Johns Ziel.

Warum, verdammt, ging Sarah nichts ans Telefon? Carlos wurde langsam richtig wütend. Er hatte Nachtschichten schon immer gehasst, entweder waren sie todlangweilig oder vollkommen abgedreht.  Schließlich gab er es auf und knallte den Hörer zurück  auf die Gabel. Noch immer, trotz des Eisklumpens, der in seinem Magen zu wachsen schien,  hielt Carlos stur an seiner Theorie fest, nach der diese Verrückte da, die zitternd an der Wand kauerte und die Eingangstür anstierte, einfach auf einem vollkommen abgedrehten Trip war. Carlos weigerte sich, zu glauben, das diese Story, die er aufgetischt bekommen hatte, der Wahrheit entsprach. Herrgott noch mal, er und Sarah wollten nächsten Monat heiraten, sie konnte also nicht tot sein!

Annie hörte, wie der Telefonhörer auf die Gabel geworfen wurde und wandte sich nach dem Jungen um. „Wie heißen sie?“  „Was geht sie das an, sie kommen her, völlig zugedröhnt und erzählen mir, meine Freundin sei tot! Was geht sie mein Scheiß- Name an??“ Oh, na toll, dachte Annie, der Einzige, der ihr helfen konnte, verlor noch schneller die Nerven als sie selbst. Wäre die ganze Situation weniger grauenhaft, hätte Annie über diesen Gedanken lachen können, denn irgendwie war er einfach nur unheimlich komisch. „Dann lassen sie mich die Polizei rufen, wenn sie es nicht tun wollen. Bitte.  Bitte!!!“ Annie verlor langsam die Geduld mit diesem Jungen. Wie lange wollte er denn noch warten? Bis der Mörder seiner Freundin zur Tür hereinspaziert kam? „.... Fein! Na gut, rufen wir die Scheiß- Bullen!“ Carlos stieß sich von der Wand ab, an die er sich eben erst gelehnt hatte. Es fühlte sich sicher an, wenn er auf diese Frau wütend sein konnte, dann musste er sich nicht fragen, ob an ihrer Geschichte vielleicht doch was dran war. „Aber sie tun das, Lady, es ist ja auch ihr Scheiß- Trip. Und wenn Sarah hier aufkreuzt, werde ich ihr alles erzählen und dann machen sie sich mal auf was gefasst, meine Kleine kann nämlich echt sauer werden!“ Unruhig ging Carlos im Raum umher. „Na los, machen sie schon, sie waren doch so wild darauf, hier einen Zirkus zu veranstalten; dann müssen sie die Bullen jetzt aber selbst herholen, sie... sie Verrückte!“ Annie erhob sich müde und ging auf das Telefon zu, aber Carlos verstellte ihr plötzlich den Weg. Er sagte nichts, sondern sah Annie nur so finster an, als ob er sich jeden Moment auf sie stützen wollte. „Bitte lassen sie mich die Polizei rufen. Bitte.“ sagte Annie vollkommen ruhig und am Ende ihrer Kräfte. Sie sah dem Jungen direkt in die Augen, endlose Sekunden lang. Schließlich trat Carlos wortlos zur Seite und gab den Weg frei.

So und nun, erst nun, kann ich noch ein Versprechen erfüllen. Ich wurde gefragt, wie sich Carlos und Sarah kennengelernt haben und diese Hintergrund- Info will ich nun gern geben, damit nicht ein gewisser, armer Jemand dumm sterben muss...   Carlos ist eine Art Concierge, so ähnlich, wie die Leute beim Hotel, die am Empfang arbeiten. Und Sarah hatte einen der Bungalows für unbefristete Zeit gemietet, weil es für sie einfach zu weit war, jedes mal zurück in die dann doch etwas weiter entferte Stadt zu fahren, das tat sie, wenn sie am nächsten Tag frei gehabt hat oder Urlaub. Und so sind sich Carlos und Sarah öfters mal über den Weg gelaufen und haben sich ineinander verliebt, bis zur geplanten Hochzeit hin. Zum Zeitpunkt, zu der die Geschichte spielt, waren Carlos und Sarah übrigens bereits satte drei Jahre zusammen. Puh, ganz schöne Arbeit, sich sowas aus den Fingern zu saugen. Aber ich bin froh, mein Versprechen brav erfüllt zu haben. Der Nächste Lese- Happen wird am Freitag ins Meer geworfen, bis dahin eine schöne Zeit.

Frohe Ostern! Es tut mir leid, aber ich hatte wirklich keine Chance, den von mir genannten Termin einzuhalten. Und als ich es heute bloggen wollte, mußte ich bestürzt feststellen, das ich den Geschichtsteil auf keinem meiner beiden USB sticks (Jaah, ich hab jetzt auch einen zweiten, mit satten 4 GB   finden konnte. Deswegen wird sich das Alles noch verschieben, ich bitte nochmals um Entschuldigung, wollte aber wenigstens Nachricht geben. Viel Spaß noch beim Ostereiersuchen und Tschüß.

 

 Hey, endlich!

Bitteschön, hier ist der nächste happen meiner Geschichte! Hatte schon ein ganz schlechtes Gewissen. Werde mich ab jetzt wieder um mehr Regelmäßigkeit bemühen, kann aber erst nächste Woche wieder bloggen (oder Sonntag, wenn ich dran denke).

Morgen ist mein großer Tag, die Eröffnung meiner Ausstellung im Erfurter Rathaus. Eine richtige Ausstellung, mit Pressemitteilung und Flyer (mit Unterschrift des Bürgermeisters, wow!) Ich bin echt baff! Ich meine, diese Bilder habe ich nur einfach so gemacht, weil es spaß macht und nun hängen sie im Rathaus! Ich kann drüber nachdenken wie ich will, es ist einfach unfassbar ( aber auch richtig, richtig.... wow!)  

Und nun genug geschwatzt, weiter geht´s mit meiner Geschichte:

John fand die Neuigkeit, dass dieser Holzkopf von Nachtwächter der Freund der toten Kellnerin war, hochinteressant und hatte sofort eine Idee, wie er diese Info für sich nutzen konnte. Lautlos wie ein Schatten entfernte er sich, bis die Dunkelheit ihn verschluckte.

Carlos sah zu, wie Annie wählte. Gut so. Sollte sie doch die Polizei herholen, die würden dann zum Drive Inn fahren und alles in bester Ordnung vorfinden. Und was, wenn nicht? Der Gedanke war in einem unachtsamen Moment aus einer dunklen Ecke hervorgesprungen und krallte sich hartnäckig in Carlos´ Bewusstsein fest. Mit einem Mal bekam er furchtbare Angst, dass die Frau überhaupt nicht High oder betrunken  war. Blitzschnell sprang er nach vorn und unterbrach die Verbindung. „Was machen sie da?? Sind sie verrückt geworden?!!“ Annie spürte, wie die angst in ihr hochstieg, dass es tatsächlich so sein könnte. Dass der Junge tatsächlich so verrückt geworden war wie der Mörder seiner Freundin. „Sie.. sie sind doch auf ´nem Trip, oder? Bitte sagen sie mir, das sie was genommen haben!“ Die Stimme des Jungen klang flehend, ängstlich. Annie schüttelte leicht den Kopf. „Bitte lassen sie mich die Polizei rufen.“,  sagte sie leise. „Lassen sie uns... lassen sie uns doch einfach noch ein wenig warten! Vielleicht ist der Akku von Sarahs Handy einfach nur alle. Bestimmt ist sie gleich hier, sie hat doch schon längst Feierabend, bitte, nur noch eine halbe Stunde, dann dürfen sie anrufen, wen sie wollen!“ Mein Gott, dem Jungen standen ja Tränen in den Augen! Obwohl Annie wusste, dass sie das nicht tun sollte, sah sie auf die Uhr. Die ganze Situation hatte etwas beinahe unerträglich  Surreales an sich. „Zehn Minuten, länger nicht!“

Carlos setzte sich demonstrativ vor das Telefon, damit Annie nicht herankam, bevor die zehn Minuten um waren. „Mein Name ist Carlos Stevens“ stieß er fast trotzig hervor, während er Annie nicht aus den Augen ließ. Seine Worte klangen seltsam fremd, so als spräche jemand anderes. „Ich bin Carol Wayward. Es tut mir leid, ich weiß wie sie sich fühlen. Mein.. meine Mutter starb vor einem Jahr.“ Annie hatte es nicht fertig gebracht, ´mein Bruder´ zu sagen. Sie wusste nicht, warum, nur, das sie das Gefühl hatte, es besser nicht zu erwähnen. „Sie wissen so gut, wie ich, das wir kostbare Zeit vergeuden, Mr. Stevens. „ Carlos presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und runzelte unbewusst sie Stirn, so dass er wie ein trotziger kleiner Junge aussah. „Zehn Minuten, das haben sie versprochen. Und zehn Minuten warten wir auch!“ Er sah an Annie vorbei aus dem Fenster und lauschte auf das Geräusch der Regentropfen, das immer lauter wurde

John war beinahe aufgeregt, als er mit Sarahs Wagen auf das Motel zufuhr. Er war zufrieden mit sich, dass ihm dieser kleine Streich eingefallen war, den er Annie und dem Jungen zu spielen beabsichtigte. Das würde die beiden ganz schön erschrecken. Und vor allem aus dem Empfangshaus locken. Hoffentlich hatte der Junge Annie doch noch  am Telefonieren gehindert. Nicht, das es einen Unterschied machen würde, denn das Motel schien ziemlich weit von der nächsten Stadt entfernt zu sein, andernfalls hätte es mehr Gäste, schlussfolgerte John. Und ausnahmsweise freute er sich über den wieder einsetzenden Regen, der rasch stärker und stärker wurde.  Das Prasseln und die Dichte des Regens würden verhindern, das Annie oder der Junge den Wagen zu früh hörten oder sahen. Etwa zwanzig Meter vor dem Empfangsgebäude blieb er stehen, legte Annies MP3- Player auf den Beifahrersitz, hupte dreimal, stieg aus und ließ sich erneut von der Dunkelheit verschlucken.

Carlos sprang auf, als das Geräusch einer Autohupe durch das Prasseln des Regens hindurch zu hören war. „Sehen sie, da ist sie. Wusst´ ich doch, das sie ´ne Verrückte sind!“ Schneller, als Annie ihn aufhalten konnte, war Carlos zur Tür hinaus in den strömenden Regen gelaufen. Ihm schien es überhaupt nicht seltsam vorzukommen, das Sarah bei diesem Regen so weit weg vom Empfangsgebäude gehalten hatte. Annie fühlte sich unter Entscheidungsdruck gesetzt, als würde sie erneut auf die Straßenbiegung zufahren, Sarahs Mörder dicht auf den Fersen. Sollte sie Carlos nachlaufen oder die Gelegenheit nutzen und die Polizei rufen? Denn eins war sicher: wer auch immer gehupt hatte;  Sarah war es nicht gewesen.

Carlos lief zum Wagen und riss die Fahrertür auf um seine geliebte Sarah ganz fest an sich zu drücken. Doch der Wagen war leer. Sarah musste schon ausgestiegen sein. Auf dem Beifahrersitz lag etwas weißes. Carlos griff danach, während der kalte regen seine Kleider durchnässte. Komisch, das war nicht Sarahs MP3 Player, der war Pink und Silber. Mit einem mal hatte Carlos schreckliche Angst, als eine große menge and moment mal´s und wieso´s  auftauchte und sich nicht mehr abschütteln ließ. Sarah hätte doch bei diesem Mistwetter niemals soweit weg vom Empfangsgebäude geparkt, im Gegenteil, bei Regen fuhr sie sonst immer so nah an die Tür wie möglich. Und Sarah hätte auch niemals gehupt, sie mochte das Geräusch nicht. Was war das? Carlos hielt den Atem an und horchte angestrengt auf das Prasseln den Regens. Da, wieder, fast wie... Schritte! „S...Sarah? Bist du das?“

Annie legte auf. Hoffentlich schickte die Beamtin auch wirklich jemanden los, wie sie es gesagt hatte. Wo war Carlos? Annie glaubte, die Antwort zu wissen, wollte sie aber nicht wahrhaben. Sie fühlte sich plötzlich so allein und schutzlos. Niemand würde ihr helfen können, niemand würde sie beschützen können und sie würde auch nicht entkommen können. Für jemanden, der sich eigentlich umbringen will, hänge ich ganz schön an meinem Leben. Seltsamerweise verspürte Annie bei diesem Gedanken fast so etwas wie Wut, aber nicht auf sich selbst, sondern auf diesen durchgeknallten Irren, der anscheinend auf Psychospielchen stand. Sie würde es diesem Durchgeknalltem Irren jedenfalls nicht so leicht machen. Er wollte sie? Na, dann sollte er sie doch erst einmal kriegen. Gott, wenn doch Carlos zurückkäme! Annie sah sich nach etwas um, das sie als Waffe benutzen konnte. Papierkram, Pizzakartons, noch mehr Papierkram... die Schubladen des Schreibtisches. In den filmen, die ich kenne, ist da meist eine Pistole oder so drin. dachte Annie und durchkramte eine Schublade nach der anderen. Eine Pistole fand sie zwar nicht, aber dafür einen Cutter, eine große Schere und ein kleines Taschenmesser. Naja, viel war es nicht, aber besser als gar nichts. Annie ließ die Schere liegen und steckte sich den Cutter und das Taschenmesser in die Tasche ihrer Strickjacke. Gerade als sie sich vom Schreibtisch erhob, hörte sie hinter sich etwas, dass sie herumfahren ließ. Durch den dichten Schleier des Regens konnte sie einen dunklen Schemen erkennen, der auf das Empfangsgebäude zukam. Annie hastete zur Eingangstür, die offen stand, knallte sie zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Was sollte sie nur tun, er war es, ganz bestimmt; er hatte Carlos umgebracht  und nun war sie dran. Wenn ich nur meinem Pick Up erreichen könnte, dann könnte ich... Annie konnte die bis jetzt zurückgehaltenen Tränen nicht mehr bremsen, als ihr bewusst wurde, das sie in der Falle saß. Sie wusste nicht, ob die nächste Stadt fünf oder fünfzig Meilen weit weg war und der Tank ihres Pick Ups war vermutlich auch schon so gut wie leer. Und ich habe die Polizei zum Drive Inn geschickt, hätte ich sie doch hier her geschickt! Als jemand gegen die Tür klopfte, nein, dagegen hämmerte, schrie Annie auf und sprang zurück, lehnte sich dann aber sofort wieder gegen die Tür. „Lassen sie mich rein, Lady, verdammt noch mal, machen sie auf, da draußen ist jemand!!!“ Annie spürte, wie sie beim Klang von Carlos´ Stimme innerlich zusammensackte. Sie öffnete die Tür und Carlos hastete völlig durchnässt und atemlos ins innere. Sofort schloss Annie die Tür wieder. Carlos beobachtete sie und schüttelte den Kopf. „Mann, schließen sie zu! Hier!“ er  kramte kurz in seiner Hosentasche und warf Annie dann ein Schlüsselbund zu „Der... der kleine, goldene da ist es. Genau der!“ Das Klicken, mit dem sich der Schlüssel im schloss umdrehte, gab Annie endgültig das Gefühl in der falle zu sitzen.

Wieso war Annie nicht mit nach draußen gegangen? Sie sollte den Wagen als erste sehen, sie sollte ihren MP3 Player finden und nicht der Junge. John war wütend auf Annie, die seinen Plan durchkreuzt hatte. toll. Er hätte den Jungen umbringen sollen, als der Annies Mp3 Player anstarrte. Und John hatte auch schon dicht hinter dem Jungen gestanden, das Messer bereits in der Hand, bereit, zuzustechen Jetzt, im Nachhinein, ärgerte er sich darüber, es nicht getan zu haben. Nun saßen beide wieder im Empfangsgebäude, wie Mäuse in ihrem loch. John sah zu den im Dunkeln liegenden Bungalows hinüber. Tja, das musste dann wohl sein. Wenn es nicht subtil ging, dann eben brachial.

„Mann, ich hab echt gedacht, es ist Sarah, es war ihr Wagen, aber als ich dort ankam, war da niemand, und dann hab ich was gehört, so, als ob jemand hinter mir wäre und... Mann verdammt, was läuft hier??“ „Annie antwortete nicht, sondern starrte auf den Gegenstand, den Carlos in der hand hielt. Obwohl sie das kleine, weiße gerät erkannte, fragte sie denn noch mit mechanischer Stimme: „Was haben sie da in der Hand, Mr. Stevens?“

 

20.4.09 15:53, kommentieren