Katz und Maus, Annie und John (Fortsetzungs- Thriller)

So, Ladies und Gentlemen, ich präsentiere meinen ersten Thrille, an dem ich seit Samstag (dem 21. 03. 09) schreibe. Ich sollte dem Film THE HITCHER und dem John Ryder- Darsteller Sean Bean wohl danken, denn ohne den Film oder den Schauspieler hätte ich niemals Lust bekommen, diese Geschichte zu schreiben. So, keine Zeit, keine Zeit, deshalb komme ich jetzt gleich zur sache und präsentiere den ersten Teil meines Thrillers. (Ich mußte die Geschichte notgedrungen teilen, aber eigentlich gehört alles zu sammen *ach nee, echt??*  Den nächsten Teil gibt´s Freitag, bis dahin habe ich ihn fertig überarbeitet.)

Katz und Maus, Annie und John
(Überarbeitete Fassung)


Teil 1

John, der neben Ryan saß, war einen Blick in den Rückspiegel. Annie saß auf dem Rücksitz, hatte ihre Kopfhörer auf und das leise Klackern der Tastatur war zu hören. John hoffte, Annie würde den Blick heben, aber sie tat es nicht. „Ihr zwei scheint euch ja nicht besonders zu verstehen.“ Ryan grinste und machte eine abwehrende Handbewegung. “Ach wo, wir sind dicke Kumpels. Annie ist immer so, wenn sie vor ihrem heißgeliebten Laptop sitzt. Voll konzentriert, dann bekommt sie nichts anderes mehr mit.“ John nickte und wechselte übergangslos das Thema. „ Du bist in einer Band, sagtest du. Und, wie läufts?“ Ryan lächelte und sah kurz in den Rückspiegel, zu Annie. John bemerkte, wie viel Zuneigung, ja, fast schon Liebe in Ryans Blick lag. „Dank meiner begabten Schwester richtig gut. Seit sie für uns Songtexte schreibt und unsere Cover entwirft, haben wir richtig Erfolg, die Leute stehen auf das, was sie macht.“ „Kann ich mal einen Blick drauf werfen? Ich habe früher selbst mal in einer band gespielt, weißt du?“ Ryan nahm eine Hand vom Lenkrad, griff nach hinten und stupste Annies Bein an. „Hey, Schwesterlein, Mr. Sabor würde gerne mal einen Blick auf das werfen, was auch immer du gerade machst!“ Annie nahm die Kopfhörer ab uns sah ihren Bruder fragend an. John nutze die Gunst des Augenblickes und sah in den Rückspiegel. Für einen kurzen Moment sah Annie ihm in die Augen, dann wandte sie  den Blick ab und sah zu ihrem Bruder. „Huh? Was? Halten wir?“ „Ich sagte, Mr.-„ „ Dein Bruder hat mir erzählt, das du-„ der Blick, den Annie John zuwarf, war tödlich. „ Entschuldigen sie, das ich ihnen ins Wort falle, Mr. Sabor, aber ich werde nicht gerne ungefragt geduzt. Was wollten sie sagen?“ John hielt inne, für einen kurzen Augeblick fühlte er Wut in sich aufsteigen, die er aber sofort niederzwang. „ Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich wollte lediglich fragen, ob ich mal einen Blick auf die Songtexte werfen kann, von denen ihr Bruder erzählt hat.“ John ließ seine stimme absichtlich etwas schärfer klingen. Annie sagte einige Sekunden nichts und es war ihrem Gesicht deutlich anzusehen, das sie mit sich selbst rang. Schließlich seufzte sie und nickte. „Beim nächsten Stopp zeige ich ihnen, woran ich gerade arbeite. Ich wollte ihnen nicht über den Mund fahren. Tut mir leid.“ Mit diesen Worten lehnte sich Annie zurück und setzte ihre Kopfhörer wieder auf.

Bei der nächsten Tankstelle hielten sie. Ryan entschuldigte sich und verschwand Richtung  der Toiletten. Annie  stand ans Auto gelehnt da, die Arme vor der Brust verschränkt und sah zum Himmel, an dem dunkle Gewitterwolken drohten. John wartete ab, ob sie etwas sagen würde, aber Annie sah einfach nur zu den  riesigen, fast schwarzen Wolken empor. John, der ebenfalls ans Auto gelehnt dastand, wollte eben das Schweigen brechen, als sich Annie mit einem Ruck vom Auto abstieß, sich umdrehte und die hintere Autotür öffnete, an der sie bis jetzt gelehnt hatte. Ihr Oberkörper verschwand kurz im inneren des Wagens und tauchte dann wieder mit dem Laptop auf. „Eigentlich sind das keine Songtexte, sondern Gedichte, aber die Band meines Bruders verwendet sie wie Songtexte.“ Annie stellte ihren Laptop auf das Autodach und fuhr ihn hoch, während sie erzählte. „Es ist ganz cool, so wie es ist. Ich bin oft mit auf Tour und man lernt eine Menge neue Leute kennen und  sieht  viel von der Welt. Hier. Das ist, woran ich vorhin gearbeitet habe.“ Sie drehte ihren Laptop so, das John den Text auf dem Monitor erkennen konnte:

Wrong ways are easy to go
Roads that lead to despair always look nice
On both sides decorated with ruin
Never say you did knew before
Guess what ? Nobody does

Wrong ways always seem to be easy
Always pleasant in the first time
Yet so dark but tempting
Slowy they take your soul away

And don´t say afterward you did knew
Roads made of bad earth are always invisible
Everyone sometimes get trapped

Endless and cold
Avoid nice- looking paths
Search never for them
You may fall hard

This is not a story of what happened
Or a story of what is real

Guess what? Wrong ways are not easy to see
Often they seemed so right.

Annie fragte sich, wo Ryan blieb, während John las. Doch  dann sah sie ihn, wie er aus dem Tankstellengebäude kam, Snacks und zwei Wasserflaschen in der Hand. „ Jetzt kann ich verstehen, warum die Band ihres Bruders so erfolgreich ist. Das ist ein  sehr guter Text.“ Johns Stimme riss Annie aus ihren Gedanken. „Oh, danke.“ „Ihr Bruder sagte, sie würden auch die CD- Cover gestalten...?“  Annie drehte den Laptop wieder zu sich und klickte sich durch die Ordner. Ryan war gerade damit fertig, die Snacks im Wagen zu verstauen. „ Vor uns liegt eine lange Strecke, Mr. Sabor, bis zum Motel sind es noch einige Meilen. Wenn sie sich noch  was für unterwegs holen wollen, die Preise hier sind eigentlich ganz vernünftig für eine Tankstelle.“ John warf einen kurzen Blick zu Annie und ihrem Laptop und nickte Ryan dann zu. „Ja, das könnte ich tun. Du hast recht. „ John lächelte Ryan höflich an, setzte sich in Bewegung, blieb aber nach ein paar Schritten plötzlich stehen und drehte sich noch einmal um. „Nicht wegfahren, ja?“

„Warum erlaubst du ihm, dich zu duzen, Ryan?“ Ryan zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal, sobald wir das Motel erreichen, steigt er aus und ist weg.“ Anny sah zum Tankstellengebäude hinüber, in dem John verschwunden war. „Er ist seltsam, fast wie John Ryder aus „The Hitcher“. Er heißt sogar John! Ich bin froh, wenn wir das Motel erreichen. „ Ryan legte einen Arm um seine Schwester. „Ich auch, Honey, ich auch.“

John beobachtete Ryan und Annie durch die schmutzige Scheibe des kleinen Shops. Die Kleine war gar nicht so übel. John erinnerte sich an den Blick, den er sich eingehandelt hatte, als er das Mädchen geduzt hatte. Er fühlte instinktiv, das er die Kleine nicht unterschätzen sollte. Wie alt sie wohl war? Sie sah jung aus. Er hatte sich die beiden ausgesucht, weil ihm ihr Wagen, ein dunkelroter Pick up, gefallen hatte. Das Auto fuhr sich bestimmt gut und würde ihn weit bringen. Er brauchte einen neuen Wagen, weil der letzte leider gegen einen Baum gefahren war, als er ihn sich aneignen wollte. Dumme Sache, das manche Leute so stur waren. „Das macht dann fünf fünfzig, Sir.“ Während John ins der Manteltasche nach seinem letzten Geld kramte, berührten seine Finger das kalte Metall des Klappmessers. Doch dann sah er einen ziemlich neu aussehenden Wagen, der gerade vor der Tankstelle hielt.  Der war besser als der Pick up.

„Hey, Leute, ich hab mich gerade mit dem Typen dort unterhalten. Er fährt genau dahin, wo ich hin will und er kennt eine Abkürzung, also muss ich nicht im Motel übernachten. „

John kratzte sich am Hinterkopf, während er Ryan und Annie ein schiefes Lächeln schenkte. „Dann fahren sie also mit dem Anderen weiter? „ wollte Ryan wissen und deutete mit dem kopf auf den Wagen, der in der Nachmittagssonne glänzte, die immer wieder durch die schweren Wolken brach. John nickte. „Okay, dann... alles gute!“ „Jepp, euch auch. Danke für´s Mitnehmen. Und viel Erfolg noch mit der Band.“ John zwinkerte Annie zu und ging zu dem anderen Wagen hinüber, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Zeit verging schnell und die Ereignisse der folgenden Jahre ließen keinen Platz mehr für die Erinnerung an einen seltsamen Anhalter.  Viel Gutes geschah, aber auch viel Schlimmes. Annies arbeit war plötzlich gefragter denn je, nach dem die band ihres Bruders während einer ihrer lokalen Tourneen von einem Talentscout angesprochen wurde und bald darauf ihr erstes Album herausbrachte. Ryan heiratete seine langjährige Freundin und auch Annie begann eine Beziehung. Doch ihr Freund war eifersüchtig und wurde auch bald gewalttätig. Als Annie zu ihrem Bruder flüchtete, begann Paul, Annies Freund, ihr aufzulauern, er schrieb Drohbriefe und schmiss Fensterscheiben ein. Und eines abends brach er in Ryans Haus ein und versuchte, Annie umzubringen.. Als Ryan seiner Schwester zu Hilfe kommen wollte, zog Paul ein Messer  aus seiner Jackentasche hervor und stach zu, ehe er floh, nur um vor ein Auto zu laufen und überfahren zu werden. Ryan erlag seinen schweren Verletzungen noch auf dem weg ins Krankenhaus. Annie begann daraufhin systematisch, alle Brücken hinter sich abzubrechen. Sie verkaufte alle ihre Bilder, die sie noch besaß, sie verkaufte ihr Haus und überwies die Hälfte ihres gesamten Vermögens an Ryans Frau, bei der sie sich außerdem in einem langen Brief entschuldigte und versprach, für immer zu verschwinden. Annie war überzeugt davon, für den Tod ihres Bruders verantwortlich zu sein. Samantha, Ryans Frau, gab ihr nicht im mindesten die Schuld, aber Annie ließ sich nicht davon abbringen, die Stadt für immer zu verlassen. Schließlich gab Samantha auf, bestand aber darauf, Annie Ryans roten Pick- up zu überschreiben.

Annie ließ sich den Rest ihres Geldes, immerhin eine fünfstellige Summe, bar auszahlen, lud die wenigen Sachen, die sie behalten hatte, auf die Ladefläche des Pick ups und fuhr davon, um nie wieder zu kommen.

„ Sir? Ihr Wechselgeld. Sir?“ Die Stimme der Verkäuferin riss John aus seinen Gedanken. „Ich hätte gerne noch eine  Art´n Music, wenn ich’s mir recht überlege.“

Draußen schlug John die Zeitschrift auf und las:

...Die schreckliche Katastrophe sorgte in der Musik- und Kunstszene für viel Bestürzung und tut es immer noch, nahm sie uns doch gleich zwei der begabtesten Newcommer der vergangenen Jahre: Ryan Norris, Leadsänger der „Black Berries“, deren Debütalbum auf dem Markt wie eine Bombe einschlug und Annie Norris, die mit ihren Bildern der Kometenhafen Karriere ihres Bruders um nichts nachstand. Samantha Norris, Ryans Frau, erklärte in einem Interview, das Annies ex- freund Ryan erstochen hatte, nachdem dieser seiner Schwester zu Hilfe kommen wollte, die von ihrem Ex- Freund angegriffen und beinahe erwürgt worden war. Mrs. Norris erzählte außerdem, wie sehr Annie unter dem Tod ihres Bruders leide, da sie sich an den Ereignisseen die Schuld geben würde.
Niemand weiß, wohin Annie Norris gegangen ist, in welchem Zustand sie, die mit vielen Mitarbeitern von Art´n Music gut befreundet war, sich zur Zeit befindet und wir alle können daher nur das Beste hoffen und uns den Worten von Samantha Norris anschließen: „Annie, dich trifft keine Schuld an dem, was geschehen ist, niemand macht dir Vorwürfe. Wo auch immer du gerade bist, Annie, komm zurück. bitte!“

John betrachtete das darunter abgebildete Foto, das eine lachende Annie auf der Ladefläche von Ryans Pick up zeigte, die zusah, wie ihr Bruder so tat, als wolle er den Wagen anschieben. John erinnerte sich an das Auto. Es hatte ihm so gut gefallen. Er erinnerte sich auch an Annie und war überrascht, wie wenig sie sich verändert hatte. Sie sah immer noch sehr jung aus und John war sich sicher, das sie noch immer diesen tödlichen Blick auf Lager hatte. Er bedauerte ein wenig, was geschehen war, denn die beiden waren eigentlich ganz Ok gewesen.

Annie warf die Art´n Music achtlos auf die Rückbank des Pick- ups. Sie würde ganz bestimmt nicht umkehren. Seit Monaten fuhr sie nun schon Ziellos durch die Vereinigten Staaten, übernachtete in billigen Motels oder schlief im Auto. Sie hatte noch jede menge Geld, weil sie kaum etwas davon ausgab. Das rastlose Leben hatte dafür gesorgt, das sie  jetzt viel dünner war, weil Annie kaum aß. Außerdem hatte Annie sich ihr langes, kastanienbraunes Haar kurzgeschnitten. Sie hatte ihr Haar immer gemocht und auch Ryan hatte es gerne zerwuschelt..

Sie arbeitete immer noch, manchmal nächtelang, schrieb Texte und schuf Bilder, die sie aber niemandem zeigte und auch an niemanden verkaufte; die Dateien wurden einfach nur mehr und mehr auf der Festplatte. Vielleicht würde sie sich bald umbringen, überlegte Annie. Nichts hatte mehr Sinn, nichts machte mehr Sinn, alles war so bedeutungslos geworden.  Der Gedanke an Suizid wurde zu Annies ständigem Begleiter und  schließlich war es beschlossene Sache. Ein einziges mal würde sie noch nach Westfield zurückkehren, unerkannt. Sie würde ihren Laptop zu Samantha schaffen, zusammen mit einem Brief, in dem sie Samantha alle auf der Festplatte enthaltenen Dateien vermachte. Von der Verkaufssumme könnte Samantha gut leben. In dem Brief würde aber nichts von Annies geplantem Suizid stehen. Sie würde lügen, behaupten, das sie sich irgendwo eine neue Existenz aufbauen wolle. Vielleicht sollte sie den Laptop per Post schicken, überlegte Annie, dann müsste sie nicht mal zurückfahren.

Als der Hunger unerträglich wurde, hielt Annie nach einem Schild Ausschau, auf dem stand, wie viele Meilen es noch bis zur nächsten Raststätte waren. Dort würde sie sich auch erkundigen, wie weit es bis zur nächsten Stadt war, in der sie dann den Laptop losschicken würde.

Erst, als die Sonne bereits hinter dem Horizont versank, erreichte Annie eine Raststätte, die aus einem kleinen Restaurant und einem Parkplatz bestand. Annie parkte den Pick up auf dem beinahe leeren Parkplatz, klemmte sich ihren Laptop unter den Arm und betrat das kleine Restaurant. Die Anzahl der Gäste war verschwindend gering.. Annie nahm an einem der Fenstertische ganz hinten neben den Toiletten platz und schaltete ihren Laptop ein. Eine junge, stark geschminkte Frau kam an Annies Tisch und reichte ihr mit einem zögerlichen, aber aufrichtigen Lächeln die Speisekarte. Annie nickte freundlich und bestellte eine doppelte Portion Tacos mit Dip, weil sie die essen konnte, während sie an ihrem Laptop arbeitete.

John mochte den Wagen, den gerade fuhr, nicht. es war ein alter, klappriger Kombi, der zudem noch nach frischem Blut stank. Die ehemalige Besitzerin, eine ältere Dame, die die ganze zeit über ihren toten Mann geschimpft hatte, war nun ebenfalls tot, John hatte sie verscharrt, aber bereits wieder vergessen, wo. Mit diesem Wagen konnte er jedenfalls nicht mehr lange fahren und schon gar nicht vor dem Drive Inn parken, dessen Lichter er in der Ferne sah. Es sah nicht so aus, als würde bald ein Auto vorbeikommen, also fuhr John von der Straße herunter und stieg aus. Gut war, das er genau vor einem steilen Abhang gehalten hatte. John stemmte sich gegen den Kofferraum des Wagens und schob ihn etwas an, was nicht all zu schwer war, da der Kombi einen leichten Alurahmen hatte. Er blieb nicht, um zu sehen, wie das Auto mit einem Heidenlärm den Abhang hinunterstürzte, aber während er in Richtung der noch fernen Lichter ging, hörte er hinter sich einen Ohrenbetäubenden Knall, als der Wagen  sehr viel weiter unten aufschlug. Soweit zu den guten Dingen. Schlecht war, das es gerade angefangen hatte, zu regnen und der Regen nicht schwächer, sondern immer stärker wurde. John hasste es, durchnässt irgendwo anzukommen.

Der Regen war so laut, das ihn Annie sogar durch die Kopfhörer hindurch hörte. Sie knabberte langsam ihre Tacos, während sie an einem neuen Bild arbeitete. Wenn sie Samantha etwas Gutes tun wollte, dann musste sie noch einige Bilder machen, bevor sie den Laptop abschickte, damit Samantha nach Abzug der Steuern auch noch genug Geld übrig blieb. Sie war so in ihre Arbeit vertieft, das sie nicht merkte, wie jemand an ihrem Tisch platz nahm. Erst, als zwischen zwei Liedern eine kurze Pause entstand, hörte Annie, wie sich jemand räusperte und sah erschrocken auf. Es war die Frau, die ihr das Essen gebracht hatte. Annie schaltete ihren MP3 Player aus und sah die Frau fragend an. „Ähm, entschuldigen sie, aber sie sehen genauso aus wie diese Annie Norris, sie wissen schon, diese Künstlerin, die nach dem Tod ihres Bruders spurlos verschwunden ist. Ich hab davon gelesen. Hier!“ sie hielt Annie die aktuelle Ausgabe von Art´n Music unter die Nase. Annies Herz krampfte sich beim Anblick des Fotos, das sie und Ryan zeigte, zusammen, aber sie ließ es sich nicht anmerken. „Ja. Schreckliche Geschichte, das ganze.“ Antwortet sie knapp. Die Kellnerin sah sie einem Moment lang prüfend an. „Sie... sie sind doch nicht etwa Annie Norris, oder? „ „mein Name ist Carol Wayward. Und ich finde nicht, das ich dieser Annie Norris besonders ähnlich sehe, schauen sie doch mal.“ Sie nahm der Kellnerin die Zeitschrift aus der Hand und hielt sie sich neben das Gesicht. In der Tat bestand nicht mehr viel Ähnlichkeit zwischen der lebenslustigen Annie auf dem Foto und der Kurzhaarigen und erschöpft wirkenden Frau, die Annie jetzt war. Die Kellnerin lächelte entschuldigend. „Oh, jetzt sehe ich es auch, tut mir leid, ich dachte nur, wegen des Laptops und des Wagens... also, tut mir ehrlich leid, sie gestört zu haben...“ Annie gab der Kellnerin die Zeitung zurück und lächelte freundlich . „Kein Problem. Wie heißen sie“ „Sahra Miller“ „Also Sarah- ich darf sie doch so nennen, oder?“ Sarah nickte und Annie fuhr fort. „Es ist nicht schlimm, machen sie sich mal keine Sorgen, mein Wagen sieht tatsächlich aus wie der auf dem Foto, aber immerhin vermute ich mal, das der keine Einzelanfertigung gewesen sein wird, oder?“ Sarah nickte und wirkte erleichtert, als sie aufstand und zum Tresen zurück ging. Annie setzte sich wieder ihre Kopfhörer auf und fügte ihrem Bild noch einen blutroten Friedhofsengel hinzu, der das Gesicht in den Händen verbarg.

John kam triefnass und ziemlich hungrig auf dem Parkplatz des Drive Inns an. Gut. Es waren zwar nur wenige wagen aber alle sahen besser aus als diese Schrottmühle von einem Kombi, in der er bis vorhin gesessen hatte. Annies Pick up sah John nicht, da inzwischen ein ziemlich großer Truck davor parkte, der Johns besonderes Augenmerk erregte. Mit einem Truck war er noch nie gefahren, das wäre in der Tat mal was neues.

Als er das Restaurant betrat, ließ er sofort den blick über die wenigen Gäste wandern, um den Besitzer des Trucks ausfindig zu machen, was auch nicht weiter schwierig war. Der Kerl war groß und bullig und trug eine Baseballmütze mit der Aufschrift „I Love My Truck“. John wollte sich gerade  zu dem Trucker an den Tisch setzen, als ihm eine junge Frau auffiel, die ganz hinten am Fenster vor einem Laptop saß, Kopfhörer in den Ohren hatte und geistesabwesend Tacos aß.  John holte das Foto hervor, das er aus der Art´n Music herausgerissen hatte, hauptsächlich des Autos wegen. Leider hatte es der Regen etwas aufgeweicht. Er sah sich das Bild von Annie an und dann die Frau vor dem Laptop. Konnte es denn sein...? Die beiden Frauen ähnelten sich auf den ersten Blick fast überhaupt nicht. doch, das wusste John, wenn einem schlimme Dinge zustießen, veränderte das einen Menschen manchmal so sehr, das er mit seinem früheren Ich nichts mehr gemein hatte. John war einen kurzen Blick zum Truckfahrer, dem die Kellnerin gerade ein riesiges Steak auf den Tisch stellte.  Selbst so ein Kleiderschrank wie der Truckfahrer hatte damit eine Weile zu tun, entschied John.

Das Geräusch der Tür ließ Sarah den Kopf heben. Damit wären es wieder exakt drei Gäste, denn vor zehn Minuten war einer gegangen Der Mann, der das Restaurant betrat, war so durchnässt, als wäre er Stunden durch den strömenden Regen gelaufen. Sein Mantel musste, so vollgesogen mit Wasser, wie er aussah, bestimmt Tonnen wiegen. Der Mann sah kurz zu ihr herüber und nickte zum Gruß. Sarah lächelte den Mann an und fragte sich insgeheim, warum in Gottes Namen jemand um diese Uhrzeit bei diesem Wetter zu Fuß unterwegs war. Noch dazu in dieser Gegend, wo außer einem kleinen Motel einige Meilen südlich nichts außer endloser Straße war. Als sie sah, wie der Mann Carol musterte und sie mit einem Foto verglich, das höchstwahrscheinlich aus der Art´n Music stammte, hätte Sarah um ein Haar aufgelacht. Noch so einer, der dachte, die Frau dort hinten wäre Annie Norris, von der seit dem tragischen Tod ihres Bruders jede Spur fehlte.

John setzte sich zu Annie an den Tisch, aber Annie bemerkte es entweder nicht oder nahm keine Notiz davon. Selbst jetzt aus der Nähe war sich John nicht sicher, ob es wirklich Annie Norris war, aber es war schließlich auch Jahre her, seit er bei Ryan und Annie im Auto gesessen hatte. Er sah Annie eine Weile zu, wie sie gedankenverloren ihren Kopf im Takt der Musik wippte, während sie sehr konzentriert auf den Bildschirm des Laptops sah. Er räusperte sich sogar ein-, zwei mal, aber gegen die Musik des MP3 Players kam er nicht an. Schließlich stand John auf, um mit dem Truckbesitzer zu reden.

Annie nahm keine Notiz von dem Typen, der sich zu ihr an den Tisch gesetzt hatte, warum sollte sie auch? Außerdem spürte Annie, wie sie langsam müde wurde. sie sah auf die Uhr ihres Computers. Es war gerade mal  19: 22 Uhr. Sie war schon die ganze Woche so früh müde gewesen, was war nur los mit ihr? Annie hasste die Abende und die Nächte und Schlaf war etwas, das sie hinausschob, bis sie die Augen kaum mehr offen halten konnte. Eigentlich freute sich Annie schon auf die nächste größere Stadt. Dort würde sie sich neue Klamotten kaufen, mal wieder ins Kino gehen und sich ein anständiges Hotelzimmer leisten. Annie war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob sie dieses Suizid- Ding wirklich durchziehen wollte, sie hatte Sehnsucht nach menschlicher Gesellschaft und danach, zu leben. Aber wo könnte sie jetzt noch hin? Zurück nach Westfield, um dort von den Erinnerungen erschlagen zu werden? Zu vieles erinnerte dort an Ryan. Vielleicht in einer ruhigen Kleinstadt, weit, weit weg ein kleines Reihenhaus kaufen und ganz neu anfangen? Annie malte sich im Gedanken aus, wie sie- doch das verträumte lächeln, das sich gerade auf die lippen legen wollte, erlosch sofort wieder. Das waren Träume, Lügen. Annie wusste genau, das sie sich trotzdem Leer fühlen würde, auch wenn sie sich irgendwo niederließ.  Annie sah vom Computer auf und bemerkte, das sich der Typ zu dem Truckfahrer gesetzt hatte, der vor einer halben Stunde zur Tür hineingekommen war. Von dem Mantel des Fremden tropfte immer noch Regenwasser auf den Boden. Annie musterte ihn heimlich, als sie sicher war, das er definitiv nicht in ihre Richtung schaute. Irgendetwas regte sich tief in ihrem Inneren, als sie den Fremden genauer ansah und ihr war, als kenne sie ihn von irgendwoher. Aber von wo? Egal, zum Grübeln war sie jetzt viel zu müde. Annie klappte ihren Laptop zu und ging zum Tresen, um ihre Tacos zu bezahlen. „Sarah, ist das nächste Motel sehr weit entfernt?“ Die Kellnerin schüttelte den kopf. „nur ein paar Meilen nach Süden, vier, vielleicht fünf. Bleiben sie einfach auf der Hauptstraße, dann können sie es gar nicht verfehlen, es ist gut ausgeschildert.“ Annie nickte der Frau freundlich zu und gab ein großzügiges Trinkgeld. Als sie an dem Tisch vorbeikam, an dem der Truckfahrer und der durchnässte Fremde saßen, hielt letzterer sie plötzlich am Arm fest. „entschuldigung“ sagte er in einem ruhigen, fast freundlichem Tonfall, „hast du vielleicht eine Zigarette für mich? Meine sind aufgeweicht, wäre echt nett von dir, Kleine.“ Annie warf ihm einen Vernichtenden Blick zu, war aber für eine bissige Antwort zu müde. „Nein, ich rauche nicht, sorry. Würden sie jetzt bitte meinen Arm loslassen?! Danke!“

Draußen regnete es immer noch. Annie wickelte ihren Laptop in ihre Jacke, um ihn vor dem Regen zu schützen und rannte zu ihrem Pick up. Als sie im Auto saß, drehte Annie die Klimaanlage hoch, damit es wärmer wurde und gähnte herzhaft. Nur ein paar Meilen, hatte Sarah gesagt. Annie versuchte, abzuschätzen, ob sie das schaffen würde, denn solange der Laptop noch nicht losgeschickt war, hatte sie keine Lust, am Steuer eines fahrenden Wagens einzuschlafen. Doch hier auf dem Parkplatz im Auto zu schlafen, war auch  nicht die beste Idee. Wer weiß, was hier für Leute vorbeikamen. Obwohl sie eigentlich keine Lust hatte, war die Aussicht auf ein richtiges Bett genug Antrieb für Annie, um den Motor zu starten. Wenn ich schnell fahre, dachte Annie, kann ich die farhtzeit vielleicht verkürzen, so viele autos sind ja nicht unterwegs. Sie öffnete das Handschuhfach und kramte nach der letzten Dose Red Bull, während sie kurz daran dachte, das sie ihr Auto eigentlich mal wieder aufräumen könnte, denn auf dem boden verstreut lagen leere Snacktüten und Plastikflaschen. Der Energydrink schmeckte beinah widerlich süß, wie flüssige Gummibärchen, aber Annie trank ihn trotzdem aus. Dann warf sie die Dose in eine Plastiktragetasche aus irgendeinem tankstellen- Shop, einer von Annies vergeblichen Versuchen, dem Chaos in ihrem Auto Herr zu werden. Mann, die Stille konnte einem wirklich auf die Nerven gehen und das eintönige brummen des Motors machte Annie nur noch schläfriger. Sie schaltete das Radio ein und hätte es am liebsten gleich wieder ausgemacht, als sie All Good Things von Nelly Furtado hörte widerstand aber dem Impuls. Wie oft hatten Ryan und sie dieses Lied gehört, während sie vor Ryans oder vor ihrem Haus auf der Veranda gesessen hatten. Annie dachte an all die schönen Momente, die sie in Westfield erlebt hatte. Sie wüsste wirklich gerne, ob Mrs. Myers, die im Haus nebenan gewohnt hatte, immer noch diesen schrecklichen, rostbraunen Kombi fuhr. Mrs. Myers, deren Hobby es gewesen zu sein schien, über ihren verstorbenen Mann zu schimpfen und die den besten Obstsalat der Welt machte. Ryan und Annie hatten die alte Dame trotz ihrer ewigen Schimpftriaden über „diesen Nichtsnutz von Mann“ gern gehabt.

Annie schluckte, als sie daran dachte, das sie einfach umdrehen und zurück nach Westfield fahren könnte. In den Monaten, seit sie Westfield verlassen hatte, war Annie immer wieder die schrecklichen Ereignisse jener Nacht durchgegangen, hatte versucht, herauszufinden, wie sie das alles hätte verhindern können. Doch nach und nach war ihr aufgegangen, das sie nichts davon hätte verhindern können. Sie hätte Ryan nicht davon abhalten können, ihr zu Hilfe zu kommen und sie hätte diesen Psychopathen von Ex- Freund auch nicht davon abhalten können, sein Messer zu ziehen. Himmel, sie hatte ja noch nicht mal gewusst, das der Typ ein Messer bei sich trug, als er sie angegriffen hatte, hatte er sie fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Mit der Zeit war aus der Schuld eine Leere geworden, verbunden mit dem Gefühl, sich irgendwie außerhalb des Lebens zu bewegen. Für Annie schienen andere Regeln zu gelten, andere Dinge waren wichtig und selbst die Zeit schien einen Unterschied zwischen ihr und dem Rest der Welt zu machen.

John saß am Steuer des Trucks und fühlte sich gut. Der Truckfahrer war eine echte Memme gewesen. Hatte um sein Leben gebettelt wie ein Mädchen. Tot war er jetzt trotzdem. Seine Leiche lag hinten im Laderaum zwischen Kisten voller Obst. Bei der nächsten Gelegenheit würde er sie loswerden, wer will schon mit einer Leiche durch die Gegend fahren? John schaltete das Radio ein und drehte am Senderknopf, bis er einen Sender gefunden hatte, der ihm gefiel.  Wie hieß die Sängerin doch gleich noch? Irgendwas mit `N´ war es gewesen, John erinnerte sich nicht, aber das Lied gefiel ihm gut. Er war sich jetzt sicher, das die Frau mit dem Laptop Annie Norris gewesen war. John hatte sie absichtlich „Kleine“ genannt und sie geduzt, um sie zu provozieren. Und, Bingo,  sie war in seine Falle getappt, ohne es zu merken, hatte ihm diesen einzigartigen, absolut tödlichen Blick geschenkt, den John insgeheim den „Annie- Blick“ getauft hatte. Ob er versuchen sollte, sie aufzuspüren? John wusste nicht, warum er das tun sollte, aber er dachte trotzdem daran. Weit konnte sie noch nicht sein. Das nächste Lied war „Seven Nation Army“ von den White Stripes und Johns  gute Laune hellte sich noch mehr auf.  Dieses Lied war um so vieles  cooler, wenn man dabei hinter dem Steuer eines... weiß der Teufel, wie viel - Tonners saß.

Annie kämpfte tapfer gegen die immer stärker werdende Müdigkeit an und drehte das Radio noch ein klein wenig lauter. Die White Stripes waren genau das richtige, um wach zu bleiben. Vielleicht war das Leben auf der Straße ja  doch nicht so übel. Annie könnte den Verkauf ihrer Bilder wieder aufnehmen, ihre Geschäfte per E- Mail regeln  und ab und zu mal eine Postkarte nach Westfield schicken. Das klang doch gar nicht so übel. „... Hallo, ihr da draußen. Dies ist ein Gruß an Annie Norris, die heute Geburtstag hat und 28 Jahre wird. Wir gratulieren dir, Annie, wo auch immer du gerade bist und hoffen, du kommst irgendwann zurück. Eine Stunde lang habt ihr heute Zeit, anzurufen, um Annie zu gratulieren, yeah, denn ich bin mir verdammt sicher, das sie ihren Lieblingsradiosender hört! Westfield Radio-  wenn nicht wir , dann keiner! Und Annie, hier ist mein Geschenk für dich: das komplette „Only by the night 2008“- Album von Kings of Leon!“ Wisst ihr Leute, Annie liebt diese Musik und vielleicht  kommt sie ja zurück, um ihrem alten Kumpel Ted eins auf die Mütze zu geben, weil er mal wieder so verdammt viel quatscht!“ Die Stimme des Moderators wurde ernster und bekam einen dringlichen, fast flehenden Unterklang.“ Annie, ich weiß, das du noch lebst, komm zurück, bitte. Hier hast du deine Freunde, wir schaukeln das schon! Und hier auch gleich Lied Nummer eins : Closer, von Kings of Leon .Happy Birthday, Annie!“

Sarah, die gerade die Tische abwischte, hielt kurz inne, als sie die Stimme des Moderators hörte. Sie erinnerte sich an die Musik, die aus Carols Kopfhörern gedrungen war und überlegte, ob sie bei Westfield Radio anrufen sollte. Nur, um zu gratulieren.

Annie wäre wirklich gerne umgekehrt, um Ted eins auf die Mütze zu geben.  Verdammt, sie hatte total  vergessen, das heute ihr Geburtstag war, solche Dinge verloren an Bedeutung, wenn man nur unterwegs war, ohne jemals irgendwo anzukommen. Das die alte Quasselstrippe Ted sie daran erinnert hatte, besserte ihre Laune nicht gerade, denn plötzlich vermisste sie ihr altes leben noch mehr. Sie würde sich, wenn es das im Motel gab, eine flasche, ähm... ,Alkohol halt, kaufen und sich zudröhnen, während sie ihr Auto endlich mal wieder sauber machte. Und danach würde sie ihren Rausch ausschlafen und dann.. tja, mal sehen, was dann war.

John staunte nicht schlecht, als er hörte, das Annie 28 Jahre alt war. Er hatte sie selbst vorhin, noch auf nicht älter als dreiundzwanzig geschätzt. Sie hatte also heute Geburtstag. Na, dann sollte er Annie finden und ihr gratulieren. Normalerweise lebten die Leute, die ihn mitnahmen oder mit denen er ins Gespräch kam, nicht mehr lange, aber vielleicht würde er mal eine Ausnahme machen, quasi als Geburtstagsgeschenk. So, aus Westfield kommst du also, dachte John. Er erinnerte sich, das er noch jemand anderen getroffen hatte, der aus Westfield gewesen war. Wer nur? Ach ja, diese alte Schachtel, die immer auf ihren Mann geschimpft hatte. Die mit dem schrecklichen, rostbraunen Kombi. Die er irgendwo verscharrt hatte ,was er mit dem toten Truckfahrer auch bald tun sollte, ermahnte John sich selbst. Und dann würde er sich auch bald wieder von diesem Baby hier trennen müssen, käme nicht gut, mit einem als vermisst gemeldeten  Wagen durch die Gegend zu fahren. Ihm fiel ein, das die Kellnerin gesehen hatte, wie er mit dem Truckfahrer ins Gespräch gekommen war. Mist. John war im Großen und Ganzen sehr darauf bedacht, unsichtbar zu bleiben, ihm gefiel sein leben als tödlicher Geist. Die Kellnerin war die einzige, um die er sich kümmern musste, für Annie galten, warum auch immer, andere Regeln. Aber er wollte auch Annie nicht aus den Augen verlieren. Er wusste, das Annie die Kellnerin nach dem nächsten Motel gefragt hatte. Demnach hatte sie vor, dort zu übernachten. Gut. Dann hatte er Zeit. John schätzte, das er in einer halben Stunde wieder beim Drive Inn sein könnte. Aber ohne den Truck, der war zu auffällig. Scheiße! Johns Laune sank auf den Nullpunkt; das sein Ausflug mit dem Truck derart kurz ausfallen würde, passte ihm überhaupt nicht. Das würde er der Kellnerin mit auf die Rechnung setzen, schließlich musste er ja wegen ihr umdrehen.

 

Hi, da bin ich, pünktlich wie versprochen! Und ich habe selbstredend auch den nächsten Teil meines Thrillers dabei. Ich saß gestern noch bin um ein Uhr nachts, weil ich es fast vergessen hätte, das ich den Text noch überarbeiten muß, aber für euch mach ich das doch gerne.  Teil drei gibt es nächsten Dienstag,dann muß ich erst mal weiterschreiben (also, damit fange ich natürlich nicht erst am Dienstag an...)

So, und nun bitte alle Lichter anmachen und prüfen, ob auch die Tür zugeschlossen ist, denn ab diesem Teil geht das Ganze erst so richtig los.

 

Annie hatte bald genug von all den Glückwünschen. Das waren Leute, die sie überhaupt nicht kannte, die nichts von ihr wussten. Sie schaltete das Radio aus und kramte nach ihrem MP3- Player. Mist, wo war er denn nur? Sie hatte ihn doch immer in der Hosentasche. Außer im Drive Inn, da hatte sie ihn- Annie trat mit voller Kraft auf die Bremse und fluchte laut. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Ihr MP3 Player lag noch auf der Sitzbank im Drive Inn. So ein- Annie unterdrückte den Fluch, der ihr auf der Zunge lag und ohne sich um das Straßenverkehrsrecht zu kümmern, wendete sie den Wagen mitten auf dem Highway und trat das Gaspedal durch. Hier war ja eh nur alle halbe Stunde mal ein Auto zu sehen. Annie betete, das ihr MP3 Player noch da war, das ihn niemand mitgenommen hatte. Sie brauchte ihn, ganz dringend, er war Annie mindestens ebenso wichtig wie der Laptop. Das mit dem Motel kann ich jetzt vergessen., dachte Annie, verärgert über sich selbst. Na gut, dann würde sie sich eben einen verborgenen Winkel auf dem Parkplatz suchen und die Nacht im Auto verbringen, Hauptsache, sie hatte ihren MP3 Player dann wieder. Plötzlich sah sie einen Truck, der abseits der Straße, halb verborgen hinter einigen Bäumen stand. Annie erinnerte sich an den Truck, sie hatte ihn beim Verlassen des Drive Inns gesehen. Ob der Fahrer Probleme hatte? Annie  drosselte ihre Geschwindigkeit und spielte für ein paar Sekunden mit dem Gedanken, anzuhalten, überlegte es sich aber dann anders und rauschte an dem Truck vorbei. Erstens musste sie so schnell wie möglich wieder zum Drive Inn, bevor jemand ihren kostbaren MP3 Player mitnahm. Zweitens hätte der Fahrer die Warnblinkanlage eingeschaltet, wenn er in Schwierigkeiten wäre. Und drittens  parkte der Truck nicht einfach am Straßenrand, sondern war ein Stück weiter weg geparkt. So, wie Annie es auch immer machte, wenn sie irgendwo zum Schlafen anhielt. Kein grund, sich sorgen zu machen.

Etwa eine Viertelstunde später hielt Annie auf dem Parkplatz des Drive Inns. Außer ihr stand nur noch einziger Wagen auf dem Parkplatz und der gehörte wahrscheinlich einem vom Personal. Hoffentlich hatte das Drive Inn noch nicht zu. Annie stieg aus. Mann, es war ganz schön kalt geworden, aber wenigstens hatte der Regen inzwischen nachgelassen. Mit schnellen Schritten lief Annie auf das hell erleuchtete Gebäude zu. Sie trat ein, aber von der Kellnerin war nichts zu sehen. Überhaupt war es ziemlich still, fand Annie. „Hallo? Sarah? Ich bin es, Carol, mein MP3 Player muss hier noch rumliegen, haben sie ihn zufällig gesehen? Hallo?“ Annie ging zu dem Tisch ganz hinten am Fenster. Gott sei dank, ihr MP3 Player lag noch da. Ein eigenartiger Geruch, der aus der Damentoilette drang, erregte Annies Aufmerksamkeit. Annie hob ihre Nase in die Richtung, aus der der Geruch zu kommen schien und sog tief die Luft ein. Annie wusste fast sofort, wonach es roch  und bekam Angst. Das war nicht der Gestank einer ungespülten Toilette oder eines nicht geleerten Mülleimers. Das war kein Geruch, der Gutes verhieß. Und dies war eine Situation, in der sich Annie nicht befinden wollte. Sie horchte mit angehaltenem Atem in die Stille des Restaurants, bereit, beim kleinsten Geräusch davon zu laufen. doch alles blieb still; nur der Kühlschrank summte vor sich hin und die Uhr an der wand tickte, wie es schien, unnatürlich laut. Annie machte einen Schritt nach vorn. dann noch einen und noch einen, bis sie schließlich vor der Tür der Damentoilette stand. Hier war der metallische Geruch Übelkeit erregend stark. Das die Tür halb offenstand, beruhigte Annie nicht m geringsten. Sie hielt inne, schloss ihre Hand ganz langsam um den Türknauf und stieß die Tür dann mit aller Kraft auf. Falls sich jemand dahinter versteckte, würde ihn der Schlag ganz schön hart treffen. Als die Tür gegen die Wand krachte, zuckte Annie zusammen. Mit einem Gefühl im Magen, das sie geradezu anschrie, doch zu fliehen, machte Annie einen Schritt in den Waschraum der Damentoilette hinein. Der Raum bestand aus dem kleinen Waschraum, in dem Annie jetzt stand und drei Kabinen, deren Türen alle geschlossen waren. Und vor der mittleren Kabine war eine sich rasch vergrößernde Blutlache. Annie schlug die Hand vor den Mund und konnte einige Sekunden lang nichts anderes tun, als das Blut anzustarren. Dann ging sie einen einzigen Schritt vorwärts, blieb stehen, horchte in die erdrückende Stille hinein und tat noch einen zweiten Schritt. Alles in ihr, jede einzelne von Annies Körperzellen schrie nach Flucht, aber anstatt dessen tat Annie noch einen dritten Schritt nach vorn, so das sie nun mitten im Waschraum stand; von den Kabinen genauso weit entfernt wie von der Tür. Die drei Kabinen wirkten wie die drei Tore in einer Spielshow, nur das dies eine Horror- Show war, in der hinter einer der Türen vielleicht der Tod wartete. So leise wie möglich ging Annie in die Hocke, und spähte unter den Kabinentüren hindurch. In der mittleren Kabine sah sie die Beine einer Frau, an denen  Blut herablief. Annie unterdrückte den panischen Schluchzer, der in ihrer Kehle aufstieg. Die erste Kabine schien leer zu sein. Das war gut. Doch in der hinteren Kabine glaubte Annie, einen Schatten wahrzunehmen, als ob jemand auf den Rand der Toilette gestiegen wäre, um sich zu verstecken. Ok, dachte Annie, die jetzt am ganzen Leib bebte und kurz davor war, in Panik auszubrechen, ich sollte jetzt wirklich gehen! GANZ SICHER!! So leise, wie sie in die Hocke gegangen war, erhob sich Annie wieder und ging rückwärts auf die Tür zu, die hinterste Kabine nicht aus den Augen lassend. Als  sie mit der hand den Türrahmen ertastete, bewegte sich der Schatten, Annie konnte es sogar hören. Annie erstarrte. Da war jemand in der Kabine und anscheinend wusste dieser jemand, das Annie ihn gesehen hatte. Annie wartete nicht ab, bis dieser jemand vom Rand der Toilette heruntergestiegen war, sondern drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, davon. Sie merkte nicht, wie ihr der MP3 Player aus den Fingern glitt und zu Boden fiel.

Ohmeingottohmeingottohmeingott! dachte Annie, während sie Richtung Motel raste. Immer noch zitterte sie am ganzen Körper und ihre Hände hielten das Lenkrad so fest umklammert, das die Knöchel weiß durch die Haut schimmerten. Sobald sie beim Motel war, würde sie die Polizei anrufen. Annies Müdigkeit war wie weggeblasen, stattdessen rasten zahllose Gedanken durch ihren Kopf, die alle gleichzeitig gedacht werden wollten, kurzum, in Annies Geist herrschte das totale Chaos. Hatte der Mörder sie gesehen? Annie hielt das nicht für wahrscheinlich, aber sie hatte sich auch nicht umgedreht, um herauszufinden, ob ihr der Mörder auf den Fersen war oder nicht. Als Annie erneut den Truck am Straßenrand sah, hatte sie plötzlich ein ganz ungutes Gefühl. Der Mörder war ihr wahrscheinlich auf den Fersen, aber Annie musste einfach wissen, was mit dem Fahrer des Trucks war. Sie fuhr auf den Seitenstreifen und hielt an.  Sie ließ den Motor laufen und schloss die Fahrertür nicht, für den fall, das sie ganz schnell fliehen musste. Unglücklicherweise stand der Truck auf der anderen Seite der Straße, die nun so breit wie ein Ozean zu sein schien. Was, wenn der Wagen dem Mörder gehörte und er hier gleich aufkreuzen würde? Annie blieb, die Hand and der Fahrertür des Pick Ups, stehen und horchte. Gott, warum war es so Still? Als ob die Nacht selbst den Atem anhalten würde. Nichts. Kein Hinweis auf ein sich näherndes Auto. Ich renne kurz rüber, schaue nach und haue dann gleich wieder ab! versprach sich Annie, als sie die Hand von der Fahrertür nahm, was sie all ihre Willenskraft kostete. Eine Stimme in Annies Kopf brüllte sie an, doch wieder ins Auto zu steigen und sich davon zu machen, aber Annie ignorierte sie. Dann musste sie kurz lachen, ein Geräusch, so schrecklich verzerrt, das Annie vor sich selbst erschrak. Aber es war so schrecklich, wahnsinnig komisch, das sie sich genauso verhielt wie die Leute in den Horrorfilmen. Immer hatte sie sich darüber aufgeregt, das Leute in Horrorfilmen eigentlich genau das taten, was niemand mit gesundem Menschenverstand in so einer Situation tun würde und hier war sie und tat etwas, von dem sie genau wusste, das sie es nicht, unter keinen Umständen tun sollte. Doch sie musste es wissen, sie musste es wissen. Annie holte tief Luft und schoss wie vom Teufel persönlich gejagt, über die Straße.

John hatte sich gerade bei der Kellnerin für das verfrühte Ende seiner Truckfahrt bedankt, als er hörte, wie draußen ein Auto hielt. Na toll, Komplikationen, etwas, das John verabscheute. Lautlos verschwand er in der hintersten Kabine, stellte sich auf den Rand der Toilette und wartete vollkommen regungslos ab.

John erkannte die Frauenstimme sofort. Annie. Und ihr verdammter MP3 Player. Interessant. Annie hatte sich also einen falschen Namen zugelegt. Genau wie er. John lauschte auf Annies Schritte, die näher kamen und dann verstummten. Eine Weile herrschte Stille, dann hörte John, wie Annie sehr langsam auf die Damentoilette zuging. Dann wieder Stille und plötzlich ein lauter Knall, als die Tür der Damentoilette gegen die Wand krachte. Offenbar ahnte Annie, das sie nicht allein war. Johns Hand schloss sich fester um den Griff seines Messers, während er abwartete, was Annie als nächstes tat. John zählte mit, als sich Annie wieder in Bewegung setze. Fünf Schritte, und sie wäre weit genug von der Tür entfernt. Eins. Stille. John hörte, wie Annie scharf einatmete. Zwei. Wieder Stille, diesmal etwas länger. Komm schon, nur noch drei Schritte! dachte John. Drei. John machte sich bereit. Drei? John lauschte angestrengt und konzentriert, doch Annie kam nicht näher. Sie war noch zu nah an der Tür, zu weit weg von ihm. Das leise Rascheln von Stoff verriet ihm, was Annie vorhatte. Kluges Mädchen dachte John. Er hätte auch erst unter den Kabinentüren hindurchgespäht. Er überlegte, ob er zuschlagen sollte oder nicht. aber John merkte, dass er eine Sekunde zu lange überlegt hatte, den gerade, als er sich daran machte, von der Toilette herunterzusteigen, hörte er, wie Annie sich wieder erhob. Sie hatte ihn gesehen, genauer gesagt, seinen Schatten, das wusste John, als er Annies schnellen Atem hörte. Dem Geräusch nach zu urteilen ging sie gerade rückwärts auf die Tür zu. Die Schritte wären eine Spur sicherer gewesen, wenn sie den Kabinen den Rücken zugewandt hätte. Aber John wusste einfach, dass Annie so etwas Leichtsinniges nie tun würde. Er musste handeln, doch in dem Moment, als er sich bewegte, rannte Annie los. John gab seine Vorsicht auf und sprang aus der Kabine, aber Annie war schon draußen auf dem Parkplatz. Es wäre möglich, sie noch einzuholen, aber zu Riskant. Also blieb er im Türrahmen der Damentoilette stehen und sah zu, wie Annie in ihren Wagen stieg. Unglaublich, sie fuhr tatsächlich noch diesen schönen Pick up. Ein Grund mehr, sich an ihre Fersen zu heften. John wartete, bis Annie davongefahren war, dann schloss er die Tür der Damentoilette, zog seine Handschuhe aus und steckte sie sich in die Tasche. Auf dem Weg nach draußen wäre er um ein Haar auf einen kleinen Gegenstand getreten, der auf dem Laminatboden des Restaurants lag. John musste lächeln, als er Annies MP3 Player aufhob. Er steckte ihn in seine Manteltasche, zu seinen Handschuhen und nahm im Vorbeigehen eine Serviette von einem der Tische, mit der er das Blut der Kellnerin von seinem Klappmesser wischte. Dann ging er Seelenruhig nach draußen, setzte sich in den Wagen, der von seinem anscheinend idiotischen Vorbesitzer unverschlossen hier zurückgelassen worden war und zündete sich eine Zigarette an. Er wusste, was Annie mit ziemlicher Sicherheit tun würde und beschloss, ihr zu ihrem achtundzwanzigsten Geburtstag zehn Minuten Vorsprung zu schenken.

Der Sprint von einer Straßenseite zur anderen schien nicht Sekunden, sondern Minuten zu dauern. Annie war so schnell gelaufen, wie sie nur konnte und beinahe über ihre eigenen Beine gestolpert. Außer Atem erreichte sie die andere Straßenseite. Der Truck war riesig und in der Fahrerkabine war es dunkel. Dunkel und still, es gab kein beruhigendes, entwarnendes Schnarchgeräusch aus dem Innern der Fahrerkabine. Annie sah sofort, dass niemand in der Kabine war. Nein, nein, nein, nein! Es musste eine einfache Erklärung dafür geben. Der Fahrer war vielleicht Austreten gegangen, genau; das war er. Kurz blitze der Gedanke auf, in den Laderaum des Trucks zu sehen, aber die Angst vor dem, was sie vielleicht finden würde, ließ Annie vom Truck zurückweichen. Wieder blieb sie mucksmäuschenstill stehen und lauschte. Aber alles war so Still wie zuvor, außer dem Motorengeräusch ihres Pick- Ups war nichts zu hören. Oder? Annie war sich nicht sicher, was sie da hörte, aber sie würde ganz bestimmt nicht hier warten, um es herauszufinden. So schnell wie zuvor überquerte sie die Straße. Sie warf einen hastigen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war und wünschte sofort, sie hätte es nicht getan. Zwei noch weit entfernte, aber rasch näherkommende Scheinwerfer blitzen sie wie die Augen eines wilden Tieres an. Annie sprintete zurück zum Pick Up, knallte die Tür hinter sich zu und trat das Gaspedal durch.

Immer wieder sah Annie in den Rückspiegel, während sie diese verdammte, schnurgerade Straße entlang raste, als gäbe es kein Morgen. Zum Glück hatte Ryan eine Vorliebe für schnelle Autos gehabt, weswegen der Pick Up jetzt ziemlich schnell fahren konnte, wenn es sein musste. Und, oh ja, es musste sein. Wäre sie doch einfach an diesem scheiß- Truck vorbeigefahren! Annies Gedanken arbeiteten auf Hochtouren. Sie ließ den heutigen Abend in allen Einzelheiten Revue passieren, obwohl sie eigentlich am liebsten alles vergessen hätte. Plötzlich verhakten sich zwei Gedanken ineinander wie Zahnräder.  Vor ihrem inneren Auge sah Annie erst den Truckfahrer und dann den Typen, der zuerst bei ihr am Tisch gesessen hatte, ehe er – ehe er sich zu dem Truckfahrer gesetzt hatte. Oh nein, das waren keine glücklichen Gedanken. Wie bei einem Puzzle fügten sich immer mehr Gedanken, Vermutungen und Theorien zusammen, die  insgesamt kein schönes Bild ergaben. Annie selbst war vor dem Truckfahrer aufgebrochen. Das der Fremde so durchnässt gewesen war, bedeutete, das er durch den Regen gelaufen sein musste. Das wiederum bedeutete, das er vermutlich als Anhalter in den Truck gestiegen war. Nein, nicht gut, nicht gut. Überhaupt nicht gut. Annie sah die zwei Scheinwerfer, die seltsamerweise kaum näher gekommen zu sein schienen. Vielleicht war es ja einfach nur irgendein Auto, es musste ja nicht unbedingt derjenige sein, der die Frau im Drive Inn ermordet hatte. Gott! Wenn das Sarah, die Kellnerin gewesen war, dann... Annie wäre gern angehalten, um ein paar Mal in der kalten Nachtluft tief durchzuatmen, aber leider ging das jetzt überhaupt nicht. Also, jetzt mal schön der Reihe nach! Rief sich Annie zur Ordnung, immer wieder die Distanz zwischen ihr und dem anderen Auto kontrollieren. Eigenartig. Es sah nicht nur so aus, nein, das Auto kam wirklich nicht näher. War sie einfach nur zu schnell oder war dass Absicht? Annie hoffte auf ein paar Kurven. Dann würde sie kurz aus dem Sichtfeld des anderen Wagens verschwinden, bei dieser Entfernung eigentlich  sogar für einige Minuten. Zeit genug, die Straße zu verlassen, vielleicht hinter einem Felsvorsprung oder einem dichten Gebüsch zu parken und den Motor ungehört abzustellen. Glücklicherweise tauchte vor ihr eine vielversprechende, weil uneinsehbare Kurve auf. Annie betete, dass sich dahinter eine Möglichkeit bot, sich und das Auto zu verstecken.

John  hatte keine Zweifel daran, zu welchem Wagen die Rücklichter gehörten, die sich wie Irrlichter weit, aber nicht allzu weit vor ihm in der Dunkelheit bewegten. Anscheinend hatte Annie sein Geburtstagsgeschenk nicht gut genutzt. Nein, sie hatte doch nicht etwa den Truck gesehen und gehalten? Mann, dass Leute, sie sowieso schon am Arsch waren, immer noch die Zeit fanden, solche vollkommen Hirnverbrannten Dinge zu tun! John schüttelte den Kopf. Und dabei hatte er gedacht, Annie wäre clever. Während John darauf achtete, weder näher zu kommen noch weiter zurückzufallen, versuchte er sich in Annie hineinzuversetzen um  ihre nächsten Schritte zu kennen, bevor sie sie tat. Am naheliegendsten war, dass Annie wie der Teufel zu diesem Motel rasen und von dort aus die Polizei anrufen würde. Das würden die meisten tun. Nun gut, er selbst nicht unbedingt, aber es ging auch nicht um ihn. Andererseits konnte Annie vielleicht den Versuch machen, die vor ihnen liegenden Kurven zu ihrem Vorteil zu nutzen. John wusste von diesen engen Kurven, weil der Truckfahrer nicht nur eine Memme, sondern auch noch das reinste Waschweib gewesen war. In der Damentoilette des Drive Inns hatte Annie bewiesen, dass sie nicht unvorsichtig oder leichtsinnig war, als sie zuerst unter den Kabinentüren hindurchgespäht hatte. Also, schätzte John, das er ruhig davon ausgehen konnte, was er tun würde, weil das vermutlich so ziemlich das sein dürfte, was Annie tat. Gut. was würde er tun? Versuchen, von der Straße herunterzukommen, in der Hoffnung, dass sein Verfolger einfach geradeaus an ihm vorbeifahren würde. John schätzte, das der Sichtkontakt gleich in der ersten Kurve wenigstens für ein, zwei Minuten abbrechen würde. Und nachdem, was ihm der Truckfahrer erzählt hatte, lag hinter der ersten gleich die zweite und hinter der zweiten gleich die dritte Kurve. Das bedeutete, er würde nicht sofort sehen können, ob Annie noch auf der Straße war oder nicht. Inakzeptabel. John trat kräftig aufs Gaspedal. Zeit, aufzuholen.

John hatte mit seiner Vermutung, was Annies Denkweise anging, recht gehabt, denn Annie hatte tatsächlich vor, die Straße zu verlassen. Allerdings wusste sie nicht, was John wusste und so ging Annie davon aus, das es nur diese eine Kurve gab. Die Kurve und damit ihre vielleicht einzige Chance auf ein Entkommen kamen viel zu schnell näher. Zu wenig Zeit, um alle Risiken zu kalkulieren. Denn wenn ihr Plan nicht aufging, war sie geliefert und das der Wagen hinter ihr plötzlich rasch aufholte,  machte es für Annie nicht gerade einfacher, sich zu entscheiden. Es ging um alles oder nichts und in wenigen Sekunden würde sie schon um die Kurve biegen. Nein! Jetzt, da ihr Verfolger aufholte, konnte sie nicht damit rechnen, lange genug außer Sichtweite zu bleiben. Es war unmöglich, zu riskant, nicht machbar. „FUCK!!! FUCK!!! FUCK!!! “ schrie Annie laut und schlug mit der Faust auf das Lenkrad. Scheiße! Und der Wagen hinter ihr kam immer näher! Annie vergaß kurz ihre Panik, als sie in die Kurve bog. Verdammt, mit einer so engen Kurve hatte sie nicht gerechnet! Sie war viel zu schnell, sie musste abbremsen, sonst würde sie aus der Kurve fliegen. Aber abbremsen hieß langsamer werden und das hieß, das der Abstand zwischen ihr und ihrem Verfolger noch geringer werden würde. Doch es ging nicht anders, wenn sie den Pick Up schrottete, half ihr das nicht besonders viel. Annie ging eine Winzigkeit vom Gas, bemüht, auf der Straße zu bleiben. Einen Moment glaubte sie, es nicht zu schaffen, aber dann hatte sie die Biegung hinter sich gebracht. Annies Erleichterung hielt nur kurz an, dann löschte Wut und Angst alles andere aus. „VERDAMMT!! WAS ZUM HENKER SOLL DAS DENN??“ Die Straße ging fast übergangslos in die nächste Kurve über, die noch enger als die erste zu sein schien. Na toll, da kann ich den verdammten Wagen auch gleich ANHALTEN!!!“ fluchte Annie im Gedanken. Also, noch mal vom Gas, noch mal fast aus der Kurve fliegen und noch mal den Abstand zwischen ihr und diesem Kellnerinnen- Mörder verringern. War´s das jetzt??? Bitte, keine Scheiß- Kurven mehr!“ flehte Annie. Als sie der dritten Kurve ansichtig wurde, schluchzte Annie laut auf.  Klasse, ich bin so was von am Arsch!!! Doch als Annie einen schnellen Blick in den Rückspiegel warf, waren keine Scheinwerfer mehr zu sehen. Vielleicht war diesem Psychopathen ja der Sprit ausgegangen, überlegte Annie, hegte jedoch wenig Hoffnung, dass dies auch tatsächlich der Fall sein könnte. Aber er musste doch dicht hinter ihr sein, immerhin war sie ja konsequent langsamer geworden. Hatte er vielleicht einfach nur seine Scheinwerfer ausgeschaltet um sie glauben zu machen, sie hätte ihn abgehängt? Annie beschloss, in ihrem Interesse und in dem ihres Wagens diese Überlegungen auf später zu verschieben, wenn sie endlich alle dieser unmöglichen, vollkommen idiotischen Kurven hinter sich gebracht hatte. Diesmal wusste Annie, dass sie aus der Kurve fliegen würde und tatsächlich war der Bogen, den sie fuhr, viel weiter als der der Kurve. Annie war froh, dass der nächste Felsbrocken noch weiter von der Straße entfernt war, als sie. Mit aller Kraft drehte sie das Lenkrad nach links und versuchte, so schnell wie möglich wieder auf die Straße zu kommen, die- Annie konnte ihr Glück kaum fassen- wieder schnurgerade verlief. In einiger Entfernung sah sie die Leuchtreklame des Motels, das ihr Sarah beschrieben hatte. Oh mein Gott, ich kann es tatsächlich schaffen! Sobald der Pick Up wieder Asphalt unter den Rädern hatte, trat Annie mit aller kraft aufs Gaspedal, abwechselnd nach vorn zur Leuchtreklame und in den Rückspiegel schauend. Von dem Auto war keine Spur zu sehen, hinter ihr erstreckte sich dichte Dunkelheit. Annie wusste, das sie erleichtert sein sollte, aber sie konnte sich einfach nicht entspannen, sie fühlte, das ihr dieser Durchgeknallte Typ noch immer auf den Fersen war. Es ergab überhaupt keinen Sinn, dass er sie erst verfolgte und dann einfach verschwand.
John blieb Annie für die Dauer der ersten Kurve noch dicht auf den Fersen, ließ sich dann aber zurückfallen, sobald er merkte, das Annie nicht vorhatte, die Straße zu verlassen. Wenig überrascht stellte er fest, das er das auch nicht mehr getan hätte, denn durch den verringerten abstand war es absolut unmöglich geworden, ungesehen irgendwo in der Pampa zu verschwinden. John drosselte die Geschwindigkeit und erlaubte es Annie somit, wieder an Distanz zu gewinnen. Bei der letzten Biegung flog Annie aus der Kurve, schaffte es dann aber wieder, auf die Straße zu fahren. John schaltete die Scheinwerfer aus, damit Annie ihn nicht mehr sah. Später würde er sie aufspüren, denn Annie müsste schon komplett durchgeknallt sein, wenn sie bei dem Motel, dessen grelle Leuchtreklame immer näher kam, nicht anhielt. John ließ sich noch weiter zurückfallen, denn er wollte nicht, das die Helligkeit der Leuchtreklame seine Tarnung auffliegen ließ. Schließlich, etwa eine Halbe Stunde Fußmarsch vom Motel entfernt, hielt er den Wagen ganz an und stieg aus. Himmel, was das eine kalte Nacht, aber wenigstens  war die dichte Wolkendecke aufgerissen und gab den blick auf den tiefschwarzen, Mondlosen Nachthimmel frei, der sich, von Milliarden Lichtpunkten übersät, schier unendlich in alle Richtungen erstreckte. John bedauerte es nicht sonderlich, das er den Wagen hier zurücklassen musste, denn auf dem Gelände des Motels würde er schon einen neuen finden. Vielleicht sogar wieder einen Truck. Oder er würde sich Annies Pick Up schnappen, nachdem er ihr zum Geburtstag gratuliert hatte.

 

Ende Teil 1

27.3.09 15:21, kommentieren